Doberman Diversity Project

Das „Doberman Diversity Project“ mit Ursprung in Amerika ist ausschließlich für die Rasse Dobermann ins Leben gerufen worden. Das Projekt soll Züchter und Deckrüden Halter in ihren zukünftigen Zuchtplanungen dahingehend unterstützen, dass zum einen der Zuchthund/ die -hündin selbst auf über 160 testbare Erbkrankheiten und Merkmale untersucht wird, zum anderen kann für die Zusammenstellung einer möglichen Verpaarung der genetische Inzuchtkoeffizient der Welpen festgestellt werden.

 

Entstanden ist das Projekt aus einer Privatinitiative betroffener Dobermann-Besitzer heraus; denn auch in Amerika herrscht im gesundheitlichen Bereich eine ähnliche Situation wie in Europa und sogar weltweit.

 

Den Anstoß zur Gründung des Projekts lieferte auf der einen Seite die besorgniserregende gesundheitliche Situation des Dobermannes (speziell der unaufhaltsame Vormarsch der DCM), auf der anderen Seite die Tatsache, dass Tiergattungen, die NICHT durch den Menschen in ihrer Selektion beeinflusst worden sind, oder nur in geringem Maß, so gut wie überhaupt keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufweisen, nicht unter Generations-übergreifenden Erbkrankheiten leiden, und eine für ihre Gattung hohe Lebenserwartung haben.

 

Wo also war der Unterschied? Was ist anders an den gesunden und langlebigen Tierarten im Vergleich zur Rassehundezucht bzw. dem Dobermann?

 

Die Antwort ist erschreckend einfach, und ein Blick auf die Zuchtstrategien der großen alten Züchter des vorigen Jahrhunderts und sogar bis heute, bestätigt in dramatischer Weise das Ergebnis: Es ist die DIVERSITÄT, auch genannt Ahnenvielfalt.

 

Die gesunde, resistente und langlebige Tiergattung nämlich wies bei der Untersuchung grundsätzlich eine auffallend hohe genetische Ahnenvielfalt auf, nahezu bis zu 100%, und parallel dazu einen ganz geringen genetischen Inzuchtkoeffizienten zwischen 0 und 30%. Das bedeutet, dass so gut wie JEDER Ahne in einer langen Reihe von Ahnen bis hin zum ersten Ur-Paar ein Individuum für sich war und keins oder nur vereinzelt mal ein Tier zweimal vorhanden war. 

 

Völlig anders dagegen beim Dobermann: Der genetische Inzuchtkoeffizient bei den Tieren dieser Rasse liegt heutzutage im Schnitt zwischen 40 und 50% und darüber!

 

Die Schlussfolgerung liegt also nahe, dass mehr Ahnenvielfalt und weniger Inzucht einer Tierart – in diesem Fall dem Dobermann – wieder dazu verhelfen könnte, resistenter gegen Krankheiten, AUCH GEGEN ERBKRANKHEITEN zu werden!

 

Genau dieses Ziel verfolgt das DDP: Es versucht, den Züchtern unter Zuhilfenahme der Molekular-Genetik ein wichtiges „Werkzeug“ in die Hand zu geben, zukünftig bei ihren Verpaarungen nicht mehr „russisches Roulette“ spielen zu müssen, sondern ganz gezielt Verpaarungen zu planen, bei welchen die Welpen eine HÖHERE Diversität erhalten, als sie ihre Eltern besitzen!

 

Was genau beinhaltet nun der Test über das DDP?

 

1.  Ein komplettes Screening des Zuchthundes auf über 160 genetische Merkmale (u.a. Farbvererbung) und testbare Erbkrankheiten anhand einer eingesandten Speichelprobe. Getestet wird unter anderem auf rassetypische Erbkrankheiten wie die Narkolepsie, die degenerative Myelopathie und auf von- Willebrand-Disease (vWD), aber auch auf Dutzende weiterer Erbkrankheiten, die bei Hunden im allgemeinen vorkommen können.

 

2.    Für Züchter besteht die Möglichkeit, „breeding-partner“ innerhalb des Projekts zu werden. Das DDP bietet dann ein spezielles Tool, mit welchem der Züchter die jeweils zu erwartenden genetischen Inzuchtkoeffizienten der Welpen bei der Verpaarung seiner Hündin mit dem Rüden, der ihn interessiert, abfragen kann. Bei Fragen, die eine gezielte Verpaarung betreffen, oder allgemeinen Fragen zur Genetik stehen den Mitglieds-Züchtern Genetiker zur Verfügung, die sie jederzeit kontaktieren können.

 

 3.    Und als dritter Punkt: Im Hintergrund läuft aufgrund des eingesandten genetischen Materials der Dobermänner bei EMBARK weiterhin die Forschung nach den Ursachen der Erbkrankheiten, speziell der DCM.

 

 Was bedeutet dies nun konkret für die Züchter?

 

1.    Ein Züchter erhält mit einem genetischen Screening zum ersten mal bis zu einem gewissen Grad „Einsicht“ in seinen Hund. Konnte man sein Tier vorher nur weitgehend phänotypisch beurteilen, legt der Test jetzt auch genotypische Bereiche offen, die dem Züchter vorher verborgen geblieben sind. Hierin liegt schon die erste, ganz große Chance für einen Züchter! Mit   dem einen einzigen großen Test über das DDP erhält er einen Überblick über alle eventuellen Erbkrankheiten, die sein Zuchthund/-hündin trägt (sofern testbar). Bei autosomal rezessivem Erbgang (man braucht also immer ZWEI Träger, damit eine Krankheit sich in den Welpen manifestieren kann) hat der Züchter nun die Chance, einen Partner zu wählen, der NICHT Träger derselben Mutation ist. Und seine Welpen werden auf jeden Fall NICHT an dieser Erbkrankheit leiden, allerhöchstens wird der eine oder andere Träger der Anlage sein. – VOR der Möglichkeit eines solchen Tests hätte man eine Verpaarung auf Risiko machen müssen und einfach nur gehofft, dass alles in Ordnung ist mit den Zuchttieren. Der einzige Anhaltspunkt wäre gewesen, dass beide Zuchthunde zumindest phänotypisch gesund sind, und hätte anschließend nicht verstehen können, warum nun fast sämtliche Welpen in relativ frühen Jahren unter einer Erbkrankheit leiden.   

 

2.    Senken des genetischen Inzuchtkoeffizienten in den Welpen – Über das „Breeding-Tool“ des DDP hat der Züchter nun die Möglichkeit, die jeweils zu erwartenden genetischen Inzuchtkoeffizienten der Welpen bei der Verpaarung seiner Hündin mit dem Rüden, der ihn interessiert, abzufragen. Die große Chance für die Rasse in dieser Möglichkeit liegt darin, dass auch dann, wenn die Elterntiere selbst eventuell NICHT mit einer hohen Ahnenvielfalt gesegnet sind, für die Welpen eine extrem viel bessere Diversität entstehen kann, und somit eine höhere Chance auf ein längeres Leben. - Leider kommen wir innerhalb Europas nur in den seltensten Fällen unter die 40% Marke, da die Zuchtbestimmungen derart eng gesteckt sind und das Zuchtbuch so stark in sich geschlossen ist, dass wir eine Auszucht mit einer blutfremden Population, die diese formalen Bedingungen nicht erfüllt, nicht durchführen können.

 

3. Erhaltung der Diversität der Rasse im GESAMTEN. – Mindestens genauso wichtig, wie die Diversität für das einzelne Individuum, wenn nicht sogar noch wichtiger, ist die Erhaltung der Diversität der Rasse insgesamt! Und dies ist durch die Zucht unter Anwendung der Genetik nun möglich. Nach wie vor gilt zwar, dass Züchter diejenigen Linien, die extrem auffällig DCM in die Nachkommen weitergeben, möglichst meiden sollten. Aber Genetiker warnen eindrücklich davor, nun unreflektiert alle Hunde mit einer vereinzelten genetischen Mutation, oder Hunde, in deren Ahnen/Geschwistern ein vereinzelter DCM-Fall aufgetreten ist, aus der Zucht auszuschließen! Der Grund ist folgender: Bei einer zu einseitigen Selektion kann es passieren, dass eine weitere der wenigen noch existierenden Abstammungsgruppen (Haplotyp) „ausgerottet“ wird, die aber für die weitere Zukunft wichtig wäre, um die Gesamt-Diversität der Rasse zu gewährleisten. Damit würde man der Rasse einen weiteren, nie wieder gutzumachenden und nicht mehr umkehrbaren Schaden zufügen. Das Überleben der Rasse könnte davon abhängen. So sollten derzeit auch Hunde, die homozygot das PDK4 Gen tragen, nicht in der Zucht geächtet werden, sofern sie eine wichtige Blutlinie weiter tragen können.

 

Voraussetzung zur Zuchtverwendung ist aber IMMER, dass in jeder zukünftigen Verpaarung der genetische Inzuchtkoeffizient der Welpen niedrig gehalten wird und die Ahnenvielfalt hoch, dass der PDK4 Status nicht kombiniert wird, damit diejenigen Gene, die erbkrank sind, kein „leichtes Spiel“ haben, sich immer weiter in die nächsten Generationen weiter zu bewegen. Mit dem neuen virtuellen Matchmaker-Tool des DDP ist es aber möglich, dass Züchter einen passenden Zuchtpartner für einen Hund mit einer genetischen Mutation finden, so dass die aus der Kombination geborenen Welpen die genetische Erkrankung eines ihrer Eltern nicht erben werden.

 

Deshalb haben Hunde, die aus einer solchen Kombination stammen, vielfach sogar eine bessere Chance auf Langlebigkeit, als viele ihrer Rassekollegen, da ihnen die vorhandene Diversität mehr "Schutz" und eine höhere Resistenz gegen Erbkrankheiten geben kann.

 

Hinter der Nutzung des „Doberman Diversity Projects“ verbirgt sich also eine große Chance für Züchter, zukünftig wieder gesündere und langlebigere Hunde hervorzubringen. Vielleicht nicht in einer oder zwei Generationen. Es wird seine Zeit brauchen, bis die Rasse insgesamt wieder eine stabilere Gesundheit vorweisen kann.

 

Es liegt an den Züchtern, und auch an den Deckrüden Besitzern, diese Chance zu nutzen.

 

Weitere Infos:

www.dobermandiversityproject.de

 


GRENZEN und CHANCE der MOLEKULAR-GENETIK in Kombination mit der POPULATIONS-GENETIK

 

Wer sich nun aber nur noch auf diese genetische Form der Wahl seiner Deckpartner verlässt, wendet sie nicht korrekt an, und unter Umständen kann das in eine züchterische Sackgasse führen.

 

Hier zur Erklärung ein Beispiel:

Rüde A

7 Jahre alt

herzuntersucht, ohne Befund

- bringt mit der Zuchthündin laut DDP Welpen mit einem voraussichtlichen Inzuchtkoeffizienten von derzeit möglichen sehr niedrigen 39%

- von seinen Eltern ist bekannt, dass sie im Alter zwischen 4 und 7 Jahren an DCM gestorben sind

- in seiner Ahnenreihe sind zahlreiche Fälle von DCM bekannt, oder nur Lebensspannen von maximal 7 Jahren ohne Angabe von Todesursachen, oder aber überhaupt keine Angaben zum Lebensalter vorhanden

- seine Geschwister sind überwiegend früh verstorben

- seine Nachkommen fallen durch häufige Todesfälle in jungen Jahren auf


Rüde B

7 Jahre alt

herzuntersucht, ohne Befund

- bringt mit der Zuchthündin laut DDP Welpen mit einem voraussichtlichen Inzuchtkoeffizienten von 42%, was deutlich höher ist als der IK mit Rüde A

- seine Eltern und Ahnen weisen relativ viele und relativ alt gewordenen Hunde auf (10 Jahre und mehr), und kaum Ahnen, bei denen DCM bekannt war

- ein Grossteil seiner Geschwister lebt noch und ist gesund

- seine Nachkommen fallen nicht durch gehäufte Todesfälle durch DCM auf


Rüde C

7 Jahre alt

herzuntersucht, ohne Befund

- bringt mit der Zuchthündin laut DDP Welpen mit einem voraussichtlichen Inzuchtkoeffizienten von über 50%, was wesentlich höher ist als der IK mit Rüde B, und noch extrem deutlich höher als mit Rüde A

- seine Eltern und Ahnen weisen relativ viele und relativ alt gewordenen Hunde auf (10 Jahre und mehr), und kaum Ahnen, bei denen DCM bekannt war

- ein Grossteil seiner Geschwister lebt noch und ist gesund

- seine Nachkommen fallen nicht durch gehäufte Todesfälle durch DCM auf


 

Die Molekular-Genetik würde nun den Rüden A präferieren, da die Nachkommen mit ihm die niedrigere genetische Inzucht bringen würde.

 

ABER: Hier ist es ratsam, den etwas höheren genetischen IK in Kauf zu nehmen! Da es nur einen der beiden Zuchtpartner braucht, um DCM zu vererben, ist das Risiko mit Rüde A, der selbst aus stark DCM-belasteten Linien kommt, trotz der geringeren genetischen Inzucht höher für die Welpen als mit Rüde B, mit dem die Welpen zwar eine höhere genetische Identität erhalten, der aber aus langlebigen Linien kommt.

 

Die Auswahl nach langlebigen Partnern und deren Vorfahren nennt sich POPULATIONS-GENETIK und sollte mit derselben Gewichtung angewendet werden wie die Molekular-Genetik! Mit dem Unterschied, dass die Populations-Genetik nicht in einem Labor messbar ist, sondern ein grosses Wissen des Züchters um die Rasse und die Zuchtlinien des Dobermannes erfordert und voraussetzt.

 

Nimmt nun aber wie im dritten Beispiel mit Rüde C der genetische Inzuchtkoeffizient ein Ausmass von über 50% an, so wäre auch Rüde C - trotz seiner langlebigen Vorfahren - keine wirklich gute Alternative mehr. Um dies festzustellen, benötigt man aber wieder die Molekular-Genetik, also den genetischen Test über das DDP.

 

Man sieht, Populations-Genetik und Molekular-Genetik sind sehr gute und ganz wichtige "Werkzeuge" für einen Züchter! Richtig angewendet, ergänzen sie einander perfekt und können der Rasse hoffentlich wieder zu mehr gesundheitlicher Stabilität verhelfen!